Oh! Wenn ich meine
herabströmenden Tränen wische
Erscheint mein Schatten im Spiegelglas.
Und erzählt mir tausend Geschichten der
Vergangenheit
Und ich sage: Oh weh!
Ich liebe mein Land...Haiti!
Und ich liebe meine dunkelkirschene Familie!
Aber wenn ich mich vom Spiegel entferne
Bleibt nur mein Schatten zurück.
KAPITEL EINS
DAS HAUS VON Pastor Job war kein
gewöhnliches Haus. Es war ein kleines grün-weiß
gestrichenes Zementhaus, das ganz allein auf einem großen, saftigen
Rasen in Nazon, Port-au-Prince stand. Das Haus besaß drei altweiße
Türen, und zwei quadratische Glasfenster, die die beiden Seiten der
Vorderfront des Hauses schmückten. Das Haus war umsäumt von
Mandelbäumen, Avokadobäumen, und Mangobäumen.
Hochgewachsene Kokosnusspalmen
standen kerzengerade davor, wie gigantische Riesen, die nur darauf
warteten, Besucher zu unserem Haus, oder zu dem Anwesen der weißen
Missionare, oder zu dem etwas abseits gelegenen Büro von Pastor Job
zu geleiten. Hinter dem Haus erstreckte sich auch ein kleines
Zuckerrohrfeld und ein winziger aber langgestreckter Strom klaren
Wassers, der friedlich seine Bahnen zog.
Obwohl das Haus von außen
klein aussah, war es innen doch geräumig. Es war ein schönes Haus;
unglaublich schön. Wie ein Gemälde, das gedanklich an der
unsichtbaren Wand einer armen Familie hing, und diese daran
erinnerte, dass, besäßen sie es wirklich, ein zu großer Traum in
Erfüllung gehen würde. Pastor Job aber besaß das Haus. Er
genoss das Prestige, das ihm allein deswegen zuteil wurde, weil er
in diesem Haus wohnte.
In diesem Haus lebte ein kleines Mädchen
namens Sofi. Sie hatte zwei ältere Brüder, Noah, der seinen letzten
Atemzug im Alter von fünf Jahren in seinen Körper einließ, und
Zachariah. Ozana, die jüngere Schwester, kam ein Jahr später zur
Welt, im gleichen Monat und am gleichen Tag wie Sofi. Sie sahen sich
jedoch nicht einmal annähernd ähnlich.
Ozana war dunkelhäutig und zierlich. Sie war
Pastor Job wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie hatte kurzes,
krauses Haar und einen riesengroßen Mund.
Sofi sah ihrer Mutter und ihrer Großmutter
gleich. Sie war großgewachsen, hatte hellbraune Haut, und langes,
welliges, dickes Haar. Sie hatte ein wunderhübsches Lächeln, das wie
eine Frühlingsblume alles erstrahlen ließ. Sie war ein bildschönes
Mädchen. Alle, außer ihre Eltern, liebten sie.
Immer, wenn Freunde von Pastor Job beim Haus
vorbeischauten brachten sie Sofi Geschenke mit – Spielzeug, Geld,
alles mögliche. Und sie äußerten sich positiv über ihre Schönheit
bei ihren Eltern.
Ozana war immer zugegen, wenn diese
schmeichelnden Komplimente gemacht wurden, sie, jedoch wurde ganz
anders behandelt. Die Besucher brachten ihr nichts mit. Sofi aber
teilte dennoch ihre Geschenke mit Ozana, und diese beschwerte sich
nie, dass sie soviel weniger bekam. Manchmal bedauerte Sofi zu viel
weggegeben zu haben. Schlussendlich war Sofi es müde, mit ihrer
Schwester zu teilen. Sie behielt alles für sich. Und dadurch fand
dann nur noch mehr Verwirrung und Eifersucht Einzug in ihre
Schwesterbeziehung. Die beiden wurden sich fremd, bitter-fremd.
Sofi unterschied sich stark von ihren
Geschwistern. Sie folgte ihrem Intellekt und hinterfragte alles.
Deswegen bekam sie oft Schwierigkeiten mit ihren Eltern. Sie war
jung, aber sie hatte eine alte Seele. Sie konnte mit jedem über
alles diskutieren, und so schrien ihre Eltern sie oft zurecht und
prügelten sie zur Ordnung. Alles, was dann in der Nähe zu fassen
lag, wurde zur Züchtigung verwendet, Elektrokabel. Besen, Töpfe,
Schuhe, alles.
Aber Sofi blieb sie selbst. Sie spürte, dass
sie eine besondere Gabe hatte, die die Erwachsenen in ihrer Familie
ärgerlich stimmte, wannimmer sie damit konfontiert wurden. Sie
wusste nicht genau, was es war. Auch wenn sie sich so gut betrug,
wie sie nur konnte, fanden ihre Eltern noch immer Dinge, die es
auszusetzen gab. Sie erkannte letztendlich, dass es besser war, es
aufzugeben ihren Eltern zu gefallen. Es war offensichtlich, dass
nichts wirklich Bedeutung hatte. Nachts, wenn Sofi im Bett lag,
träumte sie davon, wie es wäre, alt genug zu sein, um von zu Hause
fortlaufen zu können. Sie wurde missbraucht, und ihr Leid war eine
Bürde, die sie kaum mehr tragen konnte. Ihr Bruder, ihre Nachbarn,
ihre Cousins, und sogar ihre Großmutter schlugen sie. Sie wäre zu
erwachsen, sagten sie ihr. Sie müssten sie in die Konformität
hineinpeitschen, bevor es zu spät wäre, sagten sie.
Ozana hasste Sofi auch. Sie begann zu lügen,
und sich gegen Sofi zu verschwören. Sie wollte ihr beweisen, dass
die beiden wichtigsten Menschen in ihrem Leben, Pastor Job und
Isabella, sie, und nicht Sofi, liebten. Also heckte sie stets
Gemeinheiten aus.
Eines Tages kam Ozana so schnell sie konnte
schnurstracks zur Mutter gerannt, um ihr etwas zu sagen. Bei der
Mutter beugte sie sich vornüber, und versuchte, wieder zu Atem zu
kommen.
„Mama...Mama, ich habe gesehen,
wie Sofi Vater-Mutter-Kind mit einem Jungen im leerstehenden
Schuppen, oben auf dem Hügel, gespielt hat,“ schrie sie.
Als Isabella dies hörte rannte sie sofort den
kleinen Hügel hinauf, und ohne auch nur eine Frage zu stellen, zog
sie Sofi hinter sich her zum Haus zurück. Dann entkleidete sie Sofi
vollständig und versetzte ihr eine gute Tracht Prügel. Danach
orderte sie Sofi an, sich auf den Boden zu legen, ihre Beine
auseinanderzuspreizen, und dann untersuchte sie Sofis Intimbereich,
um festzustellen, ob sich jemand an ihr zu schaffen gemacht
hatte, und Sofi weinte bitterlich vor Erniedrigung. Ozana aber
lachte herzhaft. Sie hielt sich ihren Bauch, streckte ihre Zunge
heraus, und schnitt Grimassen während sie Sofi anblickte.
Sofi aber schwieg. Und als sie vom Boden
aufstand, ging sie in den hintersten Teil des Hauses, um ihren
Tränen unbeobachtet freien Lauf zu lassen, und um ihre traurigen
Gedanken mit dem ungewissen Nichts um sie herum zu teilen.
Ozana war ihrer Schwester stets feindselig
gesinnt. Sie wetteiferte mit Sofi. Sie wollte immer die Beste in
allem sein – beim Kochen, beim Bügeln, beim Saubermachen, beim
Lernen, sogar beim Zöpfe flechten. Ihre Mutter, Isabella, lobte und
belohnte Ozana für ihre guten Ergebnisse, hatte aber nie ein Wort
des Lobs für Sofi bereit, die dieselben Arbeiten verrichtete.
Stattdessen kritisierte sie Sofi und sagte: „Du bist
ein hübsches Blümchen, aber taugst zu nichts. Ich bedaure,
meine Beine nicht geschlossen gehalten zu haben, als ich Dich zur
Welt brachte.“
Und jedes Mal, wenn Sofi dies von ihrer Mutter
hörte, starb sie innerlich.
Wenn Isabella sich wirklich, wirklich über
Sofi erzürnte, zwickte sie sie am ganzen Körper und beschimpfte sie
mit erniedrigenden Titulierungen wie Ti-pitin, kleine
Schlampe, und Ravette Chauder, rote Kakerlake, was sich
herablassend auf Sofis Hautfarbe bezog. Isabella erinnerte Sofi
stets daran, dass sie keine echte Grimelle war, dass sie eine
Grimelle Chauder war, eine Mulattin, die von der Sonne
ausgetrocknet worden war.
Ozana liebte diese chaotischen Momente, denn
sie verspürte ein echtes Glück, wannimmer Sofi Schmerzen hatte.
„Oh, eines Tages werde ich es dir heimzahlen.
Ich werde es dir heimzahlen,“ hauchte Sofi Ozana zu. Sie starrte
dann in Ozanas Augen, während Isabella sie schlug und verfluchte.
Sofi aber blieb dabei so kühl wie ein sachter Windhauch. Sie tauchte
tief in ihre Rachegedanken ein.
Ich kann kaum erwarten, bis ich endlich
Ozana einen Geschmack ihrer eigenen Medizin verabreichen kann,
dachte Sofi bei sich.
Sofis Vater, Pastor Job, war da ein ganz
anderer Fall. Er schlug sie nur, wenn es nötig war. So
rechtfertigte er seine Züchtigungen. Und ehrlicherweise hatte er sie
wirklich nicht häufig geprügelt. Wenn er allerdings einmal dabei
war, dann prügelte er voller Zorn und Wut.
Mit Zachariah war er jedoch
sanftmütig und verständnisvoll. Zachariah war sein Lieblingskind.
Pastor Job nahm seinen Zachariah in Schutz und ließ ihn machen,
wasimmer er wollte. Er kam ungestraft mit Mord davon., nur weil er
als Junge auf die Welt kam.
Sofi fühlte sich stets unerwünscht. Das machte
sie traurig. Sie spielte gerne mit den Nachbarskindern, aber ihren
Eltern war das nicht recht, denn die Nachbarskinder waren keine
wiedergeborenen Christen. Pastor Job vermittelte Sofi schon ganz
früh, dass alle, die keine wiedergeborenen Christen waren,
dem Teufel dienten, aber Sofi machte sich nicht viel daraus. Ihr war
nur wichtig, Freunde zu haben, mit denen sie Fußball spielen,
Schlammburgen bauen, auf Bäume klettern, oder Vater-Mutter-Kind
spielen konnte. Es war ihr gleichgültig, ob sie zur Kirche gingen
oder nicht, denn sie hatte schon immer das Gefühl gehabt, dass man
mit denen, die nicht zur Kirche gingen, viel mehr Spaß haben konnte.
Sie sahen cool aus. Deren Kinder sahen cool aus, und sie wollte
genauso cool sein wie sie. Sie wollte ihre Nägel lackieren, Hosen
tragen, und lustige Teufelsmusik hören. Das war alles, was sie sich
erträumte. Als Sofi sieben war, wusste sie bereits, wie man alle
anfallenden Hausarbeiten zu erledigen hatte. Sie konnte bügeln,
kochen, saubermachen, die Wäsche der gesamten Familie mit der Hand
waschen, und sogar ganz alleine zum Markt nach La Ville laufen. Die
Mehrheit in Haiti glaubte fest, dass Mädchen diese Dinge schon ganz
früh zu lernen hatten, so dass deren Chancen, einen Ehemann zu
finden, stiegen.
Sofi hasste dieses Konzept. Sie ließ ihre
Eltern oft wissen, dass sie glaubte, noch ausreichend Zeit vor sich
zu haben, um alle Hausarbeiten zu erlernen und zu meistern. Sie
sagte ihnen immer wieder: „Ich möchte doch im Moment nur Kind sein.
Die schweren Arbeiten sind für Erwachsene!“ Dann wurde Isabella sehr
wütend. Und Isabella orderte Sofi an, alles zu erledigen, was sie
ihr auftrug. Sofi schmollte, um zu zeigen, dass sie viel lieber
draußen mit ihren Freunden spielen wollte, aber Ach! wasimmer ihre
Mutter sagte, war Gesetz. Sie hatte keine andere Wahl außer zu
gehorchen.
Isabella mochte es nicht, wenn Sofi Fußball
spielte. Sie mochte nicht, dass Sofi zu erkennen gab, dass sie mit
den Nachbarskindern Spaß hatte. Isabella wusste, dass Fußball das
Einzige war, was Sofi glücklich machte. Jedesmal, wenn sie Sofi beim
Spielen erwischte, rief sie sie ins Haus zurück und schrie sie an: „Ein
Mädchen gehört in die Küche, nicht auf das Fußballfeld!“
Sofi verbarg ihren Frust darüber, ging in die
Küche, und machte, wasimmer ihr aufgetragen wurde.
Einmal beauftragte ihre Mutter sie mit der Zubereitung des
Abendessens. Sofi wollte nicht schon wieder in einer heißen
Küche festsitzen und das Abendessen zubereiten, aber sie hatte –
wieder – keine Wahl. Sie rechnete sich aus, dass wenn sie das Essen
ganz schnell machte, sie noch genug Zeit übrig hätte, um noch vor
Einfall der Dunkelheit draußen weiterspielen zu können. Sie wusch
rasch einen großen silbernen Topf ab, und stellte ihn auf den
vorgewärmten Herd. Dann gab sie Öl hinein, gehackte Zwiebeln, grüne
Paprika, und all die anderen Zutaten, die ihre Mutter für sie aus
dem Kühlschrank geholt und bereitgestellt hatte. Sie redete sich ein,
dass sie alle Handgriffe schnell ausführen musste. Denn es wurde
immer später.
Sofi füllte den Topf zur Hälfte mit Wasser.
Sie wartete ungeduldig, bis es zu kochen anfing, um dann den
gewaschenen Reis hineinzufüllen. Dann wandte sie sich eilig dem
nächsten Topf zu, in dem sie das Fleisch zubereiten wollte. Alles
lief wie am Schnürchen, bis sie versehentlich fast den gesamten
Inhalt des Salzbehälters in den Topf streute. Sie war nun in großen
Schwierigkeiten. Sie versuchte das Essen mit noch mehr Wasser zu
strecken. Doch das machte alles noch viel schlimmer. Der Reis war
nun versalzen und weich wie Pudding. Sofis Gedanken rasten. Sie
versuchte, sich eine passende Entschuldigung für ihre Mutter
einfallen zu lassen, konnte aber keinen klaren Gedanken fassen. Doch
plötzlich wurde ihr anstatt bange ganz glücklich ums Herz. Sie
freute sich darauf, weggeschickt zu werden, denn dann könnte sie den
ganzen restlichen Tag mit ihren Freunden Fußball spielen.
Sofis Mutter kam in die Küche. Sie nahm einen
Löffel von der Ablage und nahm den Deckel vom silbernen Topf ab. Sie
tauchte den Löffel in den Reis und die Bohnen, blies auf das Essen
auf ihrem Löffel, und beförderte es dann in ihren Mund. Sofort
spuckte sie das Essen wieder aus.
„Was
ist das? Oh nein. Mm-mmh. Denkst du, dass wir das essen, mmh?“ Sie
griff hinter den Kühlschrank und zog das Verlängerungskabel heraus.
„Ich hab die Nase voll von dir, du nichtsnutzige
kleine Schlampe! Du willst immer nur mit Jungs spielen.
Verflixt, immer nur Fußball, Fußball, Fußball!“
Sofi
begann vor Angst zu zittern. „Bitte, Mama,“ bettelte sie. „Es war
nicht meine Schuld! Ich wollte das Essen nicht vermurksen.“
Ihre
Mutter ergriff ihren linken Arm, zog sie in eine Ecke, und schlug
sie bis ihre Beine und Arme von Striemen übersät waren. Sofi schrie
vor Schmerzen und weinte. Es lohnte sich nicht, auch nur den Versuch
einer Erklärung zu unternehmen. Sie fiel auf dem Küchenboden in sich
zusammen, und ihre Mutter verließ den Raum und schlug die Türe
hinter sich zu.
Als
Sofis Mutter wieder in die Küche zurückkam, summte und sprach sie
etwas murmelnd vor sich her. Ihre Worte waren unklar und kaum
verständlich, doch Sofi wusste, dass ihre Mutter sie eben verflucht
hatte. Sie wollte aus dem Zimmer laufen, doch das wäre nicht sehr
klug gewesen. Ihre Mutter war noch immer sehr wütend, und zeigte
kein Mitgefühl, obwohl Sofi noch immer auf dem Boden lag,
zusammengerollt und zerschrammt. Sofi wollte hinauslaufen, aber sie
hatte zuviel Angst, um sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.
Sie wollte ihrer Mutter keinen Grund liefern, sie erneut zu
verprügeln.
Langsam streckte sie ihre Beine aus. Ihre Mutter zog sie an den
Haaren und schlug auf ihren Kopf ein. Sofi lief aus dem Zimmer
hinaus, aber die Schläge folgten ihr. Sie rann auf den Rasen hinaus
und sah, wie eine Gruppe von Menschen am Eingangstor stand, und sie
anstarrte.
Sofi
konnte ihr Kreischen kaum unterdrücken. Die Nachbarskinder haben
mich sicher gehört, dachte sie. Alle Augen waren auf sie
gerichtet. Es gelang ihr irgendwie, sie aus ihrer Wahrnehmung zu
verbannen. Sie lief immer weiter, aber ihre Mutter war hinter ihr,
und schlug mit dem braunen Verlängerungskabel auf sie ein.
Als
Isabella es müde wurde hinter Sofi herzulaufen, verlangamte sie ihr
Tempo und stellte die Verfolgung dann ganz ein. Sofi aber lief immer
weiter. Sie rannte zum Büro ihres Vaters. Sie hoffte, dass dieser
sie schreien hören und ihr zu Hilfe kommen würde. Sofi drehte sich
um und richtete ihren Blick auf ihre Mutter.
Diese
schrie: „Du musst irgendwann zurückkommen, um ins Bett zu kommen,
mmh. Ich krieg dich dann später!“
Sofi
hielt inne und brach auf dem Rasen zusammen, um Atem zu holen. Sie
blieb dort liegen, wie ein guter Hund.
Sie blieb so lange dort liegen, bis SIE ihren
Vater auf SICH zugehen sah. Sie stand auf und
erzählte ihm alles.
Beunruhigt
begleitete er sie zurück nach Hause.
Zuhause
aber tat Isabella so, als ob nichts geschehen wäre. Aber sie
blinzelte Sofi dabei zielgerichtet an. Sofi wusste, was das zu
bedeuten hatte. Sie wusste, dass ihre Mutter auf den richtigen
Zeitpunkt wartete, um dann anzugreifen, wie sie es schon so oft
getan hatte.
In
dieser Nacht aber passierte nichts weiter. Das Haus blieb ruhig. Wie
der Tod. Sofi jedoch fühlte sich nicht sicher. Sie wusste, dass es
nur eine Frage der Zeit war, bis ihre Mutter an ihr vorübergehen und
sie schnappen würde.
Sofis
blutige Striemen schmerzten. Sie versuchte sie mit Alkohol und
Salzwasser reinzuwaschen, aber sie hielt die Schmerzen kaum aus. Sie
hielt inne. Sie ging ins Badezimmer, legte ihre zerrissene Kleidung
ab, und versuchte, sich zu waschen. Sie legte den warmen Waschlappen
auf ihre Haut auf, und ließ das Wasser neben sich aus dem Duschkopf
laufen. Sie wollte, dass ihre Mutter glaubte, sie würde sich duschen.
Sie wusste, dass wenn sie nicht sauber genug wäre, das zu noch mehr
Schlägen führen würde, also tat Sofi was sie konnte, obwohl ihre
Wunden noch immer schmerzten. Sie trocknete sich vorsichtig ab, zog
frische Kleidung an, und ging ohne Abendessen zu Bett.
Sie
lag noch lange wach und beobachtete vom Bett aus die
Schlafzimmertüre. Sie fürchtete, dass ihre Mutter jeden Augenblick
hereinkommen könnte, und sie weiterschlagen würde.
Download Here
von
Fania Simon,
Translated von
Evie Sharma
Fania Simon
ist Begründerin der BCB, sowie der Coeur-des-Enfants [Children’s
Hearts] und der No Means No Stiftungen. Sie ist eine herausragende
Poetin, Songschreiberin, und die Verfasserin von Sofis Bürde, einem
autobiographischen Werk, das sich mit ihrer Kindheit in Haiti
auseinandersetzt, und von Poesie in Haiti, einer Gedichtsammlung,
die jene zwei Jahrhunderte zum Gegenstand hat, in denen
revolutionäre Umwälzungen und Gefechte ihr Heimatland Haiti
bestimmten. Die Autorin liebt es, zu reisen, Neues zu lernen und in
sich aufzunehmen, und ihre Einsichten mit anderen zu teilen.
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