Sofis Bürde  von fania simon

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Biographie

 

Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt.

 

Ein fantastisches Zeugnis und eine wunderbare Darstellung von Mut.

 

Memoiren, die ihre Leser auf eine überwältigende Reise mitnehmen.

 

Eine Schilderung, die einen nicht mehr los läßt, und die ...

 

sich zu einem rätselhaften, lustigen Ende hinentwickelt.

 
Sofis Bürde sind literarische Memoiren, in denen im haitianischen Port-au-Prince der 70er Jahre ein neunjähriges Mädchen gegen Diskriminierung, Unterdrückung und Missbrauch ankämpft. Sofis harte Lebensprüfungen und Mühsale fesseln an die Geschichte und rühren zu Tränen. Dieses mitreißende Erstlingswerk der herausragenden Autorin Fania Simon ist lesenswert.  

Bitte besuchen Sie die Webseite der Autorin unter www.faniasimon.com

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Oh! Wenn ich meine herabströmenden Tränen wische

Erscheint mein Schatten im Spiegelglas.

Und erzählt mir tausend Geschichten der Vergangenheit

Und ich sage: Oh weh!

Ich liebe mein Land...Haiti!

Und ich liebe meine dunkelkirschene Familie!

Aber wenn ich mich vom Spiegel entferne

Bleibt nur mein Schatten zurück.

 

 

KAPITEL EINS
 

 

DAS HAUS VON Pastor Job war kein gewöhnliches Haus. Es war ein kleines grün-weiß gestrichenes Zementhaus, das ganz allein auf einem großen, saftigen Rasen in Nazon, Port-au-Prince stand. Das Haus besaß drei altweiße Türen, und zwei quadratische Glasfenster, die die beiden Seiten der Vorderfront des Hauses schmückten. Das Haus war umsäumt von Mandelbäumen, Avokadobäumen, und Mangobäumen. 

Hochgewachsene Kokosnusspalmen standen kerzengerade davor, wie gigantische Riesen, die nur darauf warteten, Besucher zu unserem Haus, oder zu dem Anwesen der weißen Missionare, oder zu dem etwas abseits gelegenen Büro von Pastor Job zu geleiten. Hinter dem Haus erstreckte sich auch ein kleines Zuckerrohrfeld und ein winziger aber langgestreckter Strom klaren Wassers, der friedlich seine Bahnen zog.  

Obwohl das Haus von außen klein aussah, war es innen doch geräumig. Es war ein schönes Haus; unglaublich schön. Wie ein Gemälde, das gedanklich an der unsichtbaren Wand einer armen Familie hing, und diese daran erinnerte, dass, besäßen sie es wirklich, ein zu großer Traum in Erfüllung gehen würde. Pastor Job aber besaß das Haus. Er genoss das Prestige, das ihm allein deswegen zuteil wurde, weil er in diesem Haus wohnte.  

In diesem Haus lebte ein kleines Mädchen namens Sofi. Sie hatte zwei ältere Brüder, Noah, der seinen letzten Atemzug im Alter von fünf Jahren in seinen Körper einließ, und Zachariah. Ozana, die jüngere Schwester, kam ein Jahr später zur Welt, im gleichen Monat und am gleichen Tag wie Sofi. Sie sahen sich jedoch nicht einmal annähernd ähnlich.

Ozana war dunkelhäutig und zierlich. Sie war Pastor Job wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie hatte kurzes, krauses Haar und einen riesengroßen Mund.  

Sofi sah ihrer Mutter und ihrer Großmutter gleich. Sie war großgewachsen, hatte hellbraune Haut, und langes, welliges, dickes Haar. Sie hatte ein wunderhübsches Lächeln, das wie eine Frühlingsblume alles erstrahlen ließ. Sie war ein bildschönes Mädchen. Alle, außer ihre Eltern, liebten sie.

 Immer, wenn Freunde von Pastor Job beim Haus vorbeischauten brachten sie Sofi Geschenke mit – Spielzeug, Geld, alles mögliche. Und sie äußerten sich positiv über ihre Schönheit bei ihren Eltern. 

Ozana war immer zugegen, wenn diese schmeichelnden Komplimente gemacht wurden, sie, jedoch wurde ganz anders behandelt. Die Besucher brachten ihr nichts mit. Sofi aber teilte dennoch ihre Geschenke mit Ozana, und diese beschwerte sich nie, dass sie soviel weniger bekam. Manchmal bedauerte Sofi zu viel weggegeben zu haben. Schlussendlich war Sofi es müde, mit ihrer Schwester zu teilen. Sie behielt alles für sich. Und dadurch fand dann nur noch mehr Verwirrung und Eifersucht Einzug in ihre Schwesterbeziehung. Die beiden wurden sich fremd, bitter-fremd. 

Sofi unterschied sich stark von ihren Geschwistern. Sie folgte ihrem Intellekt und hinterfragte alles. Deswegen bekam sie oft Schwierigkeiten mit ihren Eltern. Sie war jung, aber sie hatte eine alte Seele. Sie konnte mit jedem über alles diskutieren, und so schrien ihre Eltern sie oft zurecht und prügelten sie zur Ordnung. Alles, was dann in der Nähe zu fassen lag, wurde zur Züchtigung verwendet, Elektrokabel. Besen, Töpfe, Schuhe, alles.  

Aber Sofi blieb sie selbst. Sie spürte, dass sie eine besondere Gabe hatte, die die Erwachsenen in ihrer Familie ärgerlich stimmte, wannimmer sie damit konfontiert wurden. Sie wusste nicht genau, was es war. Auch wenn sie sich so gut betrug, wie sie nur konnte, fanden ihre Eltern noch immer Dinge, die es auszusetzen gab. Sie erkannte letztendlich, dass es besser war, es aufzugeben ihren Eltern zu gefallen. Es war offensichtlich, dass nichts wirklich Bedeutung hatte. Nachts, wenn Sofi im Bett lag, träumte sie davon, wie es wäre, alt genug zu sein, um von zu Hause fortlaufen zu können. Sie wurde missbraucht, und ihr Leid war eine Bürde, die sie kaum mehr tragen konnte. Ihr Bruder, ihre Nachbarn, ihre Cousins, und sogar ihre Großmutter schlugen sie. Sie wäre zu erwachsen, sagten sie ihr. Sie müssten sie in die Konformität hineinpeitschen, bevor es zu spät wäre, sagten sie. 

Ozana hasste Sofi auch. Sie begann zu lügen, und sich gegen Sofi zu verschwören. Sie wollte ihr beweisen, dass die beiden wichtigsten Menschen in ihrem Leben,  Pastor Job und Isabella, sie, und nicht Sofi, liebten. Also heckte sie stets Gemeinheiten aus. 

Eines Tages kam Ozana so schnell sie konnte schnurstracks zur Mutter gerannt, um ihr etwas zu sagen. Bei der Mutter beugte sie sich vornüber, und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.  

             „Mama...Mama, ich habe gesehen, wie Sofi Vater-Mutter-Kind mit einem Jungen im leerstehenden Schuppen, oben auf dem Hügel, gespielt hat,“ schrie sie.

 Als Isabella dies hörte rannte sie sofort den kleinen Hügel hinauf, und ohne auch nur eine Frage zu stellen, zog sie Sofi hinter sich her zum Haus zurück. Dann entkleidete sie Sofi vollständig und versetzte ihr eine gute Tracht Prügel. Danach orderte sie Sofi an, sich auf den Boden zu legen, ihre Beine auseinanderzuspreizen, und dann untersuchte sie Sofis Intimbereich, um festzustellen, ob sich jemand an ihr zu schaffen gemacht hatte, und Sofi weinte bitterlich vor Erniedrigung. Ozana aber lachte herzhaft. Sie hielt sich ihren Bauch, streckte ihre Zunge heraus, und schnitt Grimassen während sie Sofi anblickte.

 Sofi aber schwieg. Und als sie vom Boden aufstand, ging sie in den hintersten Teil des Hauses, um ihren Tränen unbeobachtet freien Lauf zu lassen, und um ihre traurigen Gedanken mit dem ungewissen Nichts um sie herum zu teilen.  

Ozana war ihrer Schwester stets feindselig gesinnt. Sie wetteiferte mit Sofi. Sie wollte immer die Beste in allem sein – beim Kochen, beim Bügeln, beim Saubermachen, beim Lernen, sogar beim Zöpfe flechten. Ihre Mutter, Isabella, lobte und belohnte Ozana für ihre guten Ergebnisse, hatte aber nie ein Wort des Lobs für Sofi bereit, die dieselben Arbeiten verrichtete. Stattdessen kritisierte sie Sofi und sagte: „Du bist ein hübsches Blümchen, aber taugst zu nichts. Ich bedaure, meine Beine nicht geschlossen gehalten zu haben, als ich Dich zur Welt brachte.“  

Und jedes Mal, wenn Sofi dies von ihrer Mutter hörte, starb sie innerlich. 

Wenn Isabella sich wirklich, wirklich über Sofi erzürnte, zwickte sie sie am ganzen Körper und beschimpfte sie mit erniedrigenden Titulierungen wie Ti-pitin, kleine Schlampe, und Ravette Chauder, rote Kakerlake, was sich herablassend auf Sofis Hautfarbe bezog. Isabella erinnerte Sofi stets daran, dass sie keine echte Grimelle war, dass sie eine Grimelle Chauder war, eine Mulattin, die von der Sonne ausgetrocknet worden war.  

Ozana liebte diese chaotischen Momente, denn sie verspürte ein echtes Glück, wannimmer Sofi Schmerzen hatte.  

„Oh, eines Tages werde ich es dir heimzahlen. Ich werde es dir heimzahlen,“ hauchte Sofi Ozana zu. Sie starrte dann in Ozanas Augen, während Isabella sie schlug und verfluchte. Sofi aber blieb dabei so kühl wie ein sachter Windhauch. Sie tauchte tief in ihre Rachegedanken ein.

Ich kann kaum erwarten, bis ich endlich Ozana einen Geschmack ihrer eigenen Medizin verabreichen kann, dachte Sofi bei sich.  

Sofis Vater, Pastor Job, war da ein ganz anderer Fall. Er schlug sie nur, wenn es nötig war. So rechtfertigte er seine Züchtigungen. Und ehrlicherweise hatte er sie wirklich nicht häufig geprügelt. Wenn er allerdings einmal dabei war, dann prügelte er voller Zorn und Wut. 

            Mit Zachariah war er jedoch sanftmütig und verständnisvoll. Zachariah war sein Lieblingskind. Pastor Job nahm seinen Zachariah in Schutz und ließ ihn machen, wasimmer er wollte. Er kam ungestraft mit Mord davon., nur weil er als Junge auf die Welt kam.  

Sofi fühlte sich stets unerwünscht. Das machte sie traurig. Sie spielte gerne mit den Nachbarskindern, aber ihren Eltern war das nicht recht, denn die Nachbarskinder waren keine wiedergeborenen Christen. Pastor Job vermittelte Sofi schon ganz früh, dass alle, die keine wiedergeborenen Christen waren, dem Teufel dienten, aber Sofi machte sich nicht viel daraus. Ihr war nur wichtig, Freunde zu haben, mit denen sie Fußball spielen, Schlammburgen bauen, auf Bäume klettern, oder Vater-Mutter-Kind spielen konnte. Es war ihr gleichgültig, ob sie zur Kirche gingen oder nicht, denn sie hatte schon immer das Gefühl gehabt, dass man mit denen, die nicht zur Kirche gingen, viel mehr Spaß haben konnte. Sie sahen cool aus. Deren Kinder sahen cool aus, und sie wollte genauso cool sein wie sie. Sie wollte ihre Nägel lackieren, Hosen tragen, und lustige Teufelsmusik hören. Das war alles, was sie sich erträumte. Als Sofi sieben war, wusste sie bereits, wie man alle anfallenden Hausarbeiten zu erledigen hatte. Sie konnte bügeln, kochen, saubermachen, die Wäsche der gesamten Familie mit der Hand waschen, und sogar ganz alleine zum Markt nach La Ville laufen. Die Mehrheit in Haiti glaubte fest, dass Mädchen diese Dinge schon ganz früh zu lernen hatten, so dass deren Chancen, einen Ehemann zu finden, stiegen.  

Sofi hasste dieses Konzept. Sie ließ ihre Eltern oft wissen, dass sie glaubte, noch ausreichend Zeit vor sich zu haben, um alle Hausarbeiten zu erlernen und zu meistern. Sie sagte ihnen immer wieder: „Ich möchte doch im Moment nur Kind sein. Die schweren Arbeiten sind für Erwachsene!“ Dann wurde Isabella sehr wütend. Und Isabella orderte Sofi an, alles zu erledigen, was sie ihr auftrug. Sofi schmollte, um zu zeigen, dass sie viel lieber draußen mit ihren Freunden spielen wollte, aber Ach! wasimmer ihre Mutter sagte, war Gesetz. Sie hatte keine andere Wahl außer zu gehorchen.  

Isabella mochte es nicht, wenn Sofi Fußball spielte. Sie mochte nicht, dass Sofi zu erkennen gab, dass sie mit den Nachbarskindern Spaß hatte. Isabella wusste, dass Fußball das Einzige war, was Sofi glücklich machte. Jedesmal, wenn sie Sofi beim Spielen erwischte, rief sie sie ins Haus zurück und schrie sie an: „Ein Mädchen gehört in die Küche, nicht auf das Fußballfeld!“ 

Sofi verbarg ihren Frust darüber, ging in die Küche, und machte, wasimmer ihr aufgetragen wurde. Einmal beauftragte ihre Mutter sie mit der Zubereitung des Abendessens. Sofi wollte nicht schon wieder in einer heißen Küche festsitzen und das Abendessen zubereiten, aber sie hatte – wieder – keine Wahl. Sie rechnete sich aus, dass wenn sie das Essen ganz schnell machte, sie noch genug Zeit übrig hätte, um noch vor Einfall der Dunkelheit draußen weiterspielen zu können. Sie wusch rasch einen großen silbernen Topf ab, und stellte ihn auf den vorgewärmten Herd. Dann gab sie Öl hinein, gehackte Zwiebeln, grüne Paprika, und all die anderen Zutaten, die ihre Mutter für sie aus dem Kühlschrank geholt und bereitgestellt hatte. Sie redete sich ein, dass sie alle Handgriffe schnell ausführen musste. Denn es wurde immer später.  

Sofi füllte den Topf zur Hälfte mit Wasser. Sie wartete ungeduldig, bis es zu kochen anfing, um dann den gewaschenen Reis hineinzufüllen. Dann wandte sie sich eilig dem nächsten Topf zu, in dem sie das Fleisch zubereiten wollte. Alles lief wie am Schnürchen, bis sie versehentlich fast den gesamten Inhalt des Salzbehälters in den Topf streute. Sie war nun in großen Schwierigkeiten. Sie versuchte das Essen mit noch mehr Wasser zu strecken. Doch das machte alles noch viel schlimmer. Der Reis war nun versalzen und weich wie Pudding. Sofis Gedanken rasten. Sie versuchte, sich eine passende Entschuldigung für ihre Mutter einfallen zu lassen, konnte aber keinen klaren Gedanken fassen. Doch plötzlich wurde ihr anstatt bange ganz glücklich ums Herz. Sie freute sich darauf, weggeschickt zu werden, denn dann könnte sie den ganzen restlichen Tag mit ihren Freunden Fußball spielen.  

Sofis Mutter kam in die Küche. Sie nahm einen Löffel von der Ablage und nahm den Deckel vom silbernen Topf ab. Sie tauchte den Löffel in den Reis und die Bohnen, blies auf das Essen auf ihrem Löffel, und beförderte es dann in ihren Mund. Sofort spuckte sie das Essen wieder aus.  

„Was ist das? Oh nein. Mm-mmh. Denkst du, dass wir das essen, mmh?“ Sie griff hinter den Kühlschrank und zog das Verlängerungskabel heraus. „Ich hab die Nase voll von dir, du nichtsnutzige kleine Schlampe! Du willst immer nur mit Jungs spielen. Verflixt, immer nur Fußball, Fußball, Fußball!“

Sofi begann vor Angst zu zittern. „Bitte, Mama,“ bettelte sie. „Es war nicht meine Schuld! Ich wollte das Essen nicht vermurksen.“ 

Ihre Mutter ergriff ihren linken Arm, zog sie in eine Ecke, und schlug sie bis ihre Beine und Arme von Striemen übersät waren. Sofi schrie vor Schmerzen und weinte. Es lohnte sich nicht, auch nur den Versuch einer Erklärung zu unternehmen. Sie fiel auf dem Küchenboden in sich zusammen, und ihre Mutter verließ den Raum und schlug die Türe hinter sich zu.  

Als Sofis Mutter wieder in die Küche zurückkam, summte und sprach sie etwas murmelnd vor sich her. Ihre Worte waren unklar und kaum verständlich, doch Sofi wusste, dass ihre Mutter sie eben verflucht hatte. Sie wollte aus dem Zimmer laufen, doch das wäre nicht sehr klug gewesen. Ihre Mutter war noch immer sehr wütend, und zeigte kein Mitgefühl, obwohl Sofi noch immer auf dem Boden lag, zusammengerollt und zerschrammt. Sofi wollte hinauslaufen, aber sie hatte zuviel Angst, um sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Sie wollte ihrer Mutter keinen Grund liefern, sie erneut zu verprügeln.  

Langsam streckte sie ihre Beine aus. Ihre Mutter zog sie an den Haaren und schlug auf ihren Kopf ein. Sofi lief aus dem Zimmer hinaus, aber die Schläge folgten ihr. Sie rann auf den Rasen hinaus und sah, wie eine Gruppe von Menschen am Eingangstor stand, und sie anstarrte. 

Sofi konnte ihr Kreischen kaum unterdrücken. Die Nachbarskinder haben mich sicher gehört, dachte sie. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Es gelang ihr irgendwie, sie aus ihrer Wahrnehmung zu verbannen. Sie lief immer weiter, aber ihre Mutter war hinter ihr, und schlug mit dem braunen Verlängerungskabel auf sie ein.  

Als Isabella es müde wurde hinter Sofi herzulaufen, verlangamte sie ihr Tempo und stellte die Verfolgung dann ganz ein. Sofi aber lief immer weiter. Sie rannte zum Büro ihres Vaters. Sie hoffte, dass dieser sie schreien hören und ihr zu Hilfe kommen würde. Sofi drehte sich um und richtete ihren Blick auf ihre Mutter. 

Diese schrie: „Du musst irgendwann zurückkommen, um ins Bett zu kommen, mmh. Ich krieg dich dann später!“

Sofi hielt inne und brach auf dem Rasen zusammen, um Atem zu holen. Sie blieb dort liegen, wie ein guter Hund. Sie blieb so lange dort liegen, bis SIE ihren Vater auf SICH zugehen sah. Sie stand auf und erzählte ihm alles.

 Beunruhigt begleitete er sie zurück nach Hause.

 Zuhause aber tat Isabella so, als ob nichts geschehen wäre. Aber sie blinzelte Sofi dabei zielgerichtet an. Sofi wusste, was das zu bedeuten hatte. Sie wusste, dass ihre Mutter auf den richtigen Zeitpunkt wartete, um dann anzugreifen, wie sie es schon so oft getan hatte.

 In dieser Nacht aber passierte nichts weiter. Das Haus blieb ruhig. Wie der Tod. Sofi jedoch fühlte sich nicht sicher. Sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ihre Mutter an ihr vorübergehen und sie schnappen würde.

 Sofis blutige Striemen schmerzten. Sie versuchte sie mit Alkohol und Salzwasser reinzuwaschen, aber sie hielt die Schmerzen kaum aus. Sie hielt inne. Sie ging ins Badezimmer, legte ihre zerrissene Kleidung ab, und versuchte, sich zu waschen. Sie legte den warmen Waschlappen auf ihre Haut auf, und ließ das Wasser neben sich aus dem Duschkopf laufen. Sie wollte, dass ihre Mutter glaubte, sie würde sich duschen. Sie wusste, dass wenn sie nicht sauber genug wäre, das zu noch mehr Schlägen führen würde, also tat Sofi was sie konnte, obwohl ihre Wunden noch immer schmerzten. Sie trocknete sich vorsichtig ab, zog frische Kleidung an, und ging ohne Abendessen zu Bett.

 Sie lag noch lange wach und beobachtete vom Bett aus die Schlafzimmertüre. Sie fürchtete, dass ihre Mutter jeden Augenblick hereinkommen könnte, und sie weiterschlagen würde.

 


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Sofis Bürde

von Fania Simon,

Translated von  Evie Sharma

Fania Simon ist Begründerin der BCB, sowie der Coeur-des-Enfants [Children’s Hearts] und der No Means No Stiftungen. Sie ist eine herausragende Poetin, Songschreiberin, und die Verfasserin von Sofis Bürde, einem autobiographischen Werk, das sich mit ihrer Kindheit in Haiti auseinandersetzt, und von Poesie in Haiti, einer Gedichtsammlung, die jene zwei Jahrhunderte zum Gegenstand hat, in denen revolutionäre Umwälzungen und Gefechte ihr Heimatland Haiti bestimmten. Die Autorin liebt es, zu reisen, Neues zu lernen und in sich aufzunehmen, und ihre Einsichten mit anderen zu teilen.


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